Hambacher Forst

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Schon oft hatte ich davon gehört, wie schädlich die Gewinnung von Braunkohle für Mensch und Umwelt doch sei. Ich hatte auch gehört, dass Braunkohle im Hambacher Forst, sozusagen vor den Toren der Stadt Köln, abgebaut würde und eine kleine, mutige und aktive Gruppe monatliche Waldspaziergänge anbiete, an denen Interessierte teilnehmen können, um sich ein eigenes Bild der Gewinnung von Braunkohle vor unserer Haustür zu machen.

Am Sonntag, den 19.02.2017, war es dann soweit. Ich machte mich, wie viele andere Menschen aus ganz unterschiedlichen Gegenden, auf den Weg, um mir das Handeln von RWE vor Ort anzuschauen.

Vom Bahnhof Kerpen-Buir war es nur ein kurzer Fußweg, um zu unserem Sammelpunkt und Startpunkt der Führung zu gelangen. Schon auf dem Weg vom Bahnhof in den nahegelegenen Hambacher Forst (oder das, was davon noch übriggeblieben ist) sammelten sich mehr und mehr rot gekleidete Menschen, die an diesem Sonntag an der Führung teilnehmen wollten.

Dort angekommen und nach kurzer Wartezeit, bis auch die etwas verspäteten Busse aus Aachen, Belgien und den Niederlanden angekommen waren, wurden wir von Michael Zobel, Naturführer und beständiger ehrenamtlicher Organisator der monatlichen Führungen, sowie Eva, einer Aktiven aus der Bürgervereinigung Buir, begrüßt.

Nach einer kurzen Einführung ging es hinein in den letzten Teil des Hambacher Forstes, der von RWE noch nicht gefällt und in eine Braunkohlegrube verwandelt wurde.

Unsere erste Station am Rande eines kleinen, naturbelassenen Tümpels nutzte Michael Zobel, um uns etwas über den Wald, in dem wir uns gerade befänden, zu erzählen. Er berichtete, dass der Hambacher Wald eine einzigartige Kombination verschiedener Baumarten enthielte, namentlich Hainbuchen und Stieleichen, die in dieser Form einmalig und einzigartig auf der Welt sei. Zudem sei der nun schon seit ca. 12.000 Jahren ununterbrochen existierende Hambacher Wald Mitteleuropas letzter Urwald. Er bietet Lebensraum für viele verschiedene, teilweise bedrohte Tierarten, wie insbesondere der vom Aussterben bedrohten Bechsteinfledermaus. Obwohl der Hambacher Forst die Kriterien der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie erfüllt und somit unter den Schutz der Natura 2000 gestellt werden müsste, ist dies bis auf zwei verschwindend geringe Gebiete (Lindenberger Wald: 33 ha und Steinheide: 189 ha – beide liegen außerhalb des geplanten Tagebaus) bis jetzt nicht geschehen. Im Gegenteil: Von dem einmal 5.500 Hektar großen Waldgebiet sind bis dato gerade 1.100 Hektar Wald verblieben, mit jeder weiteren RWE-Rodungsaktion gehen auch davon weitere Waldstücke unwiderruflich verloren.

Anschließend zog das rote (Protest-)Band an Teilnehmenden der Führung weiter in den Bereich des Waldes, in dem Aktive seit Jahren auf Bäumen wohnen, um diese mit ihren eigenen Körpern vor einer Rodung im Auftrag von RWE zu schützen. Dort wurden wir herzlich empfangen und durften viele Fragen stellen. Aufgrund der Vielzahl an Besuchern war ein Besuch der Baumhäuser nicht möglich, aber immerhin konnten wir sie von unten in weiter Ferne in den Baumkronen sehen.

Es folgte ein weiterer Marsch durch den verbliebenen Teil des Waldes, begleitet von einigen aktiven Baumbesetzern, was noch einmal die Möglichkeit bot, mehr von ihnen zu erfahren. Über das Leben im Wald, warum sie dort sind,…

Nach einer weiteren kurzen Pause gelangten wir an die Rodungsgrenze. Den Anblick, der sich mir bot, nachdem wir den allem Anschein nach gesunden Wald verließen, werde ich nie mehr vergessen. Ödnis, Matsch und hier und da noch Reste von Baumstümpfen, die einsam in der Gegend standen. Eine zerstörte, unwiderruflich verlorene Landschaft, die keinem – weder Mensch noch Tier – Schutz und Erholung bieten kann. Und wofür das Ganze? Für ein bisschen Braunkohle?

Die bis dahin eher gelassen-optimistische Stimmung der Mitprotestierenden wandelte sich in Trauer, Unverständnis und Entsetzen. Es wurde zunächst sehr ruhig. Dank der großen musikalischen Unterstützung, die die Führung begleitete, und die in dieser trostlosen Umgebung erst richtig loslegte, wandelte sich die Stimmung wieder in eine optimistisch-kämpferische, wenigstens den letzten verbliebenen Rest der Hambacher Waldes zu retten.

Die Mittagspause, in der wir von einem Teil der aktiven Baumbesetzer köstlich mit Essen und Trinken versorgt wurden, gab jeder und jedem von uns Gelegenheit, noch einmal Kraft zu schöpfen für den letzten Teil des Waldspaziergangs entlang der Rodungsgrenze.

Kurz bevor die letzte Etappe entlang der Rodungsgrenze begann, verkündete Michael Zobel die Teilnehmerzahlen für diesen 35. Waldspaziergang. Es waren sage und schreibe 1.200 Menschen, von wenigen Monaten alt bis 80 Jahren aus verschiedenen Ländern und Kontinenten, die sich an einem wettermäßig nicht sonderlich gemütlichen 19. Februar auf den Weg in den Hambacher Forst begeben hatten!

Diese 1.200 Menschen verbanden sich im letzten Teil des Spaziergangs zu einer roten Linie entlang der Rodungsgrenze, um ihren Protest gegen das sinnlose und zerstörerische Treiben von RWE zu bekunden.

Knapp vier Stunden nach Beginn der Führung und um viele Eindrücke reicher kamen wir schließlich wieder am Startpunkt an, den wir nach einer Abschlussrede in alle Himmelsrichtungen verließen.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Eva, Michael und dem restlichen Organisationsteam, die diesen Waldspaziergang zu einem hochspannenden und -interessanten Erlebnis gemacht haben.

Ich möchte meinen tiefen Respekt und meine Hochachtung den Aktiven im Hambacher Forst gegenüber ausdrücken, dass sie unter diesen widrigen Umständen beständig ausharren. Macht weiter so und Danke für eure Offenheit und Herzlichkeit, fremde Menschen so selbstverständlich bei euch aufzunehmen, sei es für ein paar Stunden oder länger.

Und zuletzt bedanke ich mich bei den 1.200 Mitteilnehmenden für die angenehme, positive, freundliche und kraftgebende Zeit, die wir am Sonntag miteinander verbracht haben.

Auf ein Neues im nächsten Monat!

Anna Prieß

https://www.greenpeace.de/themen/waelder/buchenwaelder

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